Projekt 52/08 – Woche 12

Was fällt Euch ein, was in Eurer Kindheit passiert ist? Versucht eine Erinnerung in einem Bild festzuhalten und darzustellen. Vielleicht habt Ihr noch etwas, dass Euch an früher denken lässt oder das für Euch als Kind einen besonderen emotionalen Wert hatte. Ich bin diese Woche vor allem wieder auf die Geschichten dazu gespannt…

Mein Thema, eindeutig. Ich denke oft an meine Kindheit. Versuche mich zu erinnern. Oft denke ich aber an meine Kindheit mit dem Gedanken: „Ist das schon so lange her?“ Ich frage mich echt manchmal, wo die Zeit geblieben ist, was ich erreicht habe, oder auch nicht.

Ich hatte eine durchschnittliche Kindheit. Nicht viele, bis gar keine Freunde. Vermutlich ein Grund warum es Passagen in meiner Kindheit/Jugend gab, in denen ich mich intensiver mit anderen Dingen beschäftigte, statt Soziale Kontakte zu pflegen.

Manchmal ist alles so als wäre es gestern gewesen, und in Wahrheit ist es nur Schall und Rauch und ich zweifle ob ich mich an Tatsachen erinnere.

Ich habe mir für dieses Foto lange Zeit gelassen. Weil ich nicht mehr in der Gegend wohne, wo ich aufgewachsen bin. Als Jugendliche fasste ich den Entschluss, irgendwann dort wegzuziehen. Das ich dann mit 23 sooo weit weg ziehe, hatte ich eigentlich nicht vor. Aber das sind Dinge die das Leben schreibt.

Als wir dann also neulich bei meinen Eltern zu Besuch waren, drängte ich darauf, eine Fotosafari zu machen. Traf sich gut, denn mein Vater hat ja auch ne neue Kamera und somit hatte ich ihn schon auf meiner Seite.

Nachdem wir also dann in Holland waren sind wir Schnurstracks nach Tönisvorst gefahren. Ich bin als Kind immer mit dem Rad gefahren und hatte vor Jahren – bevor ich daheim auszog – versucht noch mal dort hin zu kommen. Erfolglos. Denn es wurde eine neue Umgeungsstrasse gebaut, und leider war das der einzige Weg den ich kannte. Ist immerhin schon zwanzig Jahre her.

Ich erzählte meinen Eltern also von Projekt 52 und das ich unbedingt eine Kindheitserinnerung fotografieren müsse. Als ich dann argumentierte ich möchte noch mal zum Stall, weil ich auch gelesen hatte, er sei zerstört worden durch einen Tornado, war ich überrascht wie schnell meine Eltern zustimmten. Ich hatte damit gerechnet, sie würden sagen, die Zeit wäre zu kurz.

Ich fragte mich, ob er wieder aufgebaut wurde. Denn die Bilder sahen alles andere als gut aus, die ich vor ein paar Jahren im Internet fand. Und laut damaligen Zeitungsberichten, die ich mühsam im Netz gesucht habe, sah es auch nicht so aus, als ob man in einen Wiederaufbau investieren wolle könne.

Ich wusste also das es eine Zufahrtsstrasse von Tönisvorst gab, und bat meinen Vater in seinem Gedächtnis zu kramen, damit ich ein paar Fotos machen konnte. Ich hänge wirklich sehr am Gehlenhof und hatte Angst ich würde ihn nie wieder sehen können. Erstaunlich wie verschreckt ich war, als ich vor Jahren den Weg, meinen Weg, über die Felder nicht mehr fand wegen dieser Strasse.

Ich sah ihn schon vom weiten. Das große, gelbe, Herrenhaus steht noch. „War das nicht auch beim Tornado nahezu zerstört worden?“ schoss es in meinen Kopf. Mein Herz machte einen Hüpfer. Und ich musste mich zusammenreißen. Mein Gott kam ich mir blöd vor. Aufgeregt wie ein kleines Kind im Auto zu sitzen, neben mir mein Mann der fährt, hinter uns auf der Rückbank meine Eltern. Und ich war bemüht nicht die Fassung zu verlieren.

In diesem Moment wurde mir klar, worüber ich zuvor eigentlich nicht nachgedacht hatte. Aber plötzlich war dieser Gedanke da – aus dem Nichts. Die Pferde, die ich so liebte, die ich kannte… von denen ich heute noch die Namen weiß… leben heute nicht mehr. Die Gedanken gingen weiter… zu den Menschen, die ich kannte. Die Schuhmachers, denen der Hof früher gehörte (oder sie waren die Pächter, so genau weiß ich das nicht, ist aber auch unwichtig gewesen). Gehörte ihnen der Hof immer noch? Der Stallbursche Hans, dessen Duft aus einer Mischung Tabak, Schweiß, Pferd und Hufschmied ich heute immer noch in der Nase habe. Lebt er noch? Wie alt war er damals eigentlich? Vor Jahren ist in einer Fußgängerzone mal jemand an mir vorbei gegangen, der genauso duftete… Ich hatte einen Flashback.

Als wir dann geparkt hatten, ging ich allein auf das Gelände. Mit der Ausrede: „Ich mach nur schnell ein paar Fotos“ – um Coolness bemüht. Ich sah mich um. Das ein oder andere erkannte ich. Die Struktur war etwa gleich geblieben und doch war es so anders. Hier musste ich wirklich mit mir kämpfen. Fast geriet ich in Panik, nichts schien mir wie früher. Nirgendwo war jemand zu sehen. Komisch. Früher war immer irgendwo jemand. Und sei es Hans. Ich war wirklich kurz davor, wie damals quer durch den Stall nach ihm zu rufen.

Ich wies mich selbst zu Recht, es war schon spät und ich musste mich beeilen. Zum einen wegen dem Licht (es war ohnehin bewölkt, was keine optimalen Lichtverhältnisse sind) und zum anderen hatten wir ja auch noch einen einigermaßen langen Heimweg. Ich ging also weiter. In der Hoffnung das mein obligatorischer „Fotografinnenblick“ mich fängt und mir das perfekte Motiv wie eine Eingebung vor die Linse springt. Verdammt, alles so anders. Aber eindeutig der Gehlenhof.

Offenkundig mitten in den Bauarbeiten. Arbeitsgeräte standen rum. Und insgesamt sah es auch „unfertig“ aus. Der eine Stalleingang war zugemauert. Ich beschäftigte mich nicht weiter damit. Ich war neugierig, wie der Rest aussah. Das Paddock war noch da. Der Misthaufen auf der anderen Seite. Der andere Stall kleiner gemacht und er Eingang versetzt. Ich trat ein. „Aus dem Einslivesektor….“ dudelte ein Radio vor sich hin. Es war also jemand da. Ich kann mich nicht daran erinnern, das wir früher Radio hören durften. Aber gut, wir durften auch nicht auf den Heuboden *hüstel*. Komisch, das Tor zum Heuboden geradeaus war auch weg. Verdammt, verdammt. Alles anders.

Ich traute mich nicht weiter rein. Der Raum wo früher die Pferde fertig gemacht wurden, ist mit Boxen zugebaut worden. Die Treppe war nicht mehr da, die zu der Box führte wo früher Saskia stand. „Blödes Vieh. Die hat mich mal ganz böse gebissen, die Zicke.“ dachte ich lächelnd. Seither hatte ich immer Respekt vor ihr. Versuchte es aber nie zu zeigen. Denn dann hat man bei Pferden verloren. Genauso wenn du runterfällst. Du musst wieder hoch, sonst steigst du nie wieder in einen Sattel. Und wenn dich das Pferd dann noch aus Bockigkeit geschmissen hat, musst du gleich zweimal wieder hoch. „Wer ist hier der Boss?“ :)

Da die Treppe nicht mehr da war konnte ich auch nicht an Saskia’s Box vorbei gehen um in den Innenhof zu kommen. Gut. Dann eben außen rum. Ich ging also weiter in Richtung Reithalle. Die ich mir zuerst ansehen wollte. Der Wind wehte die Stimmen meiner Eltern rüber. Ich drehte mich absichtlich nicht um. Der Eingang zur Halle war verschlossen. Nur der Seiteneingang, der zum „einreiten“ in die Halle gedacht war, stand offen. Ein Blick in Richtung Podium…. :shock: Kein Podium. Das Holzpferd, das dort ebenfalls früher stand, war auch verschwunden. Na gut, war auch schon alt. Im wesentlichen bestand es aus einer Art Faß mit einem Voltigiergurt. Während der Reitstunden schnauzte die Reitlehrerin uns immer an, wir sollen jetzt nicht „Trockenreiten“ das würde die Pferde verschrecken, wenn sie an uns vorbei liefen. Ich selber bin ja nur ganz selten mitgeritten, weil ich kein Geld hatte. Ich habe mir meine wenigen Reitstunden überwiegend mit Hilfsarbeiten verdient. Ställe ausmisten, Schulpferde putzen, beim Füttern helfen… Hin und wieder spendierten mir meine Eltern auch eine Stunde. Reiten kann ich heute deswegen immer noch nicht.

Der Teil der also früher für die Zuschauer gedacht war, existiert heute nicht mehr. Stattdessen ist die Reitfläche vergrößert worden. Aber auch hier sieht es noch nach Baustelle aus.

Ich ging einen Schritt zurück. Eintreten durfte ich eh nicht. Beeindruckend: ich spürte immer noch den beobachteten Blick der Reitlehrer, die immer aus dem Nichts Befehle bellten, wenn wir was „verbotenes“ gemacht hatten. Ich fürchtete gleich einen dieser Rufe zu hören.

Ich folgte meinem ursprünglichen Weg in Richtung Innenhof. Und ich erschrak bei dessen Anblick. Nicht einladend, wie früher, sondern abgeschottet wie eine Festung präsentierte sich ein Zaun, der mich daran hinderte weiter zu gehen. Das Tor war zwar offen, aber ich hörte schon wieder die Reitlehrer aus dem Hinterhalt.

Das große Tor war verschlossen, das was von der Straße vom Feldweg früher der Haupteingang war. Auch die Türen zu den Ställen waren zu. Das einzige, so schien es mir, was immer noch wie früher war, war das gelbe Herrenhaus, indem die Schuhmachers damals lebten. Mike, der Sohn, fiel mir in diesem Moment ein. Und Oma Schuhmacher, die immer nur aus dem Fenster brüllte, weil sie so schnell, wie wir Unfug machten, nicht unten war.

Offenbar hat sich der Architekt beim Wiederaufbau gedacht (vielleicht hat er auch aus historischen Gründen so gehandelt), dass das Wohnhaus nicht verändert werden sollte. Der Hof ist immerhin schon über 100 Jahre alt.

Ich schnappte nach Luft. Es half nicht viel. Ich hatte nicht damit gerechnet, das mir das so weh tut, wieder an diesen Ort zu kommen, und nichts mehr so vorzufinden, wie es damals war. Im Prinzip schon. Der Hof war ja zerstört worden, aber ich hatte wohl nicht damit gerechnet, das er wie ausgestorben daliegen würde. Besonders nicht, als ich zuvor festgestellt hatte, das er wieder stand. In meinem Kopf halten die Geräusche von damals wieder. Hufgetrappel, Kinder die liefen und spielten, lachende Kinder, Zungengeschnallze um das Pferd anzutreiben, Wiehern… aber hier war es still. Nur der Wind, sonst nichts. Pferde waren aber da… aber die waren wohl nicht sonderlich gesprächig.

Möglicherweise war ich auch einfach nur zum falschen Zeitpunkt dort. Inzwischen habe ich eine Internetseite gefunden. Der Hof wird modernisiert. Er ist in neuem Besitz und soll „den alten Charme“ wieder erhalten. Ich kann leider nur sagen, dass das noch ein hartes Stück Arbeit wird. Der Name des neuen Besitzers sagt mir auch nichts. Aber mir fallen auch nicht mehr die Namen der Reitlehrer ein, nur die mancher Pferde. Ich habe also noch die Hoffnung, das der neue Besitzer tatsächlich weiß, was den Gehlenhof damals ausgemacht hat. Denn sonst wird das nichts mit dem „alten Charme“.

Das obige Foto habe ich übrigens vor dem Nebeneingang gemacht. Rechts wo die Mülltonnen stehen, war früher noch ein Eingang und von der Sichtweise wie das Foto aufgenommen wurde, befand sich hinter diesem Gebäude früher der Misthaufen. Das Paddock ist wie gesagt noch da – wurde aber wohl auch vergrößert. Geradeaus ist die Reithalle, und man kann schön den Seiteneingang sehen. Zwischen Reithalle und dem Gebäude links geht es dann zum Innenhof. Ich werde bei nächster Gelegenheit noch mal hinfahren. Gerade weil ich wissen möchte, ob und wie sich was tut.

Technisch, für die, die es interessiert habe ich das Bild als HDR gemacht und danach auf alt getrimmt. Ich finde ist mir super gut gelungen, und da ich mir das in einer 3000er Auflösung gemacht habe, wird das Gute Stück auch irgendwann gerahmt und aufgehangen.

Liebe Grüße
Tari

3 Gedanken zu “Projekt 52/08 – Woche 12

  1. Hallo Tari, sehr interessant Dein Beitrag. Ich selber habe meine ganze Jugend auf dem Gehlenhof verbracht, von daher wäre ich sehr interressiert, wie denn Du mit richtigem Namen heißt und in welcher Zeit Du auf dem Gehlenhof warst!?
    LG Kerstin

  2. Hey Ihr beiden,
    habe gerade durch „Zufall“ – Winterblues in dessen Kontext man sich dann wirklich mal intensiver mit dem Blick zurück beschäftigt – bei google Gehlenhof eingegeben und die Fotos gesehen. Ich bin dort so in den achziger Jahren bei Herrn Kothe und dann bei Herrn Lehki geritten. Ich war da so in der 5 Klasse. ERinnert Ihr Euch noch an die Pferde? An Charmeur, Ramona, Black, Winni, …?
    LG Yvette

  3. Hallo Yvette,

    habe auch mal die Bildersuche gemacht… aber wirklich viel erfährt man nicht. Auch nichts neues. Die letzten Infos stammen aus 2007.

    Der Name „Lehki“ lässt’s bei mir klingeln… aber eher ein leises kaum hörbares Glöckchen. Ich weiß die Namen echt nicht mehr. Habe mir aber wie gesagt, nie viel daraus gemacht. Hatte ja eh keine Reitstunden. Ich glaube bei ihm ist meine Freundin Sandra geritten, die mich überhaupt erst zum Gehlenhof brachte.

    Hans, der „Stallbursche“ gehörte für mich immer dazu. Habe heute noch den Duft in der Nase… Ähnlich süßlich wie der Hufschmied.

    Winni ist das Westernpferd!! Den kenn ich. Der durfte nicht angebunden werden, die Zügel oder Strick nur runter hängen lassen.
    Ich kenn eine Simona (war später so halb-Pflegepferd von mir), aber die kam erst mit dem neuen Reitlehrergespann. Dem männlichen Part davon gehörte Aarosa (oder so) – und jeder hat sie bewundert, ein ganz zauberhaftes Tier. Niemand durfte sie anfassen. Nur seine – ja, Auszubildende ? – Daniela (blond) durfte sie hin und wieder reiten.
    Wunsch kenn ich noch, da fällt mir Herrmann ein, der „Assistent“ von Herrn Schlicke (oder so) – dem gehörte im Innenhof fast ein kompletter Stallgang.
    Monty, Saskia, Anka, Sissy… Garand oder Galand von Familie Ebenrett … Mensch, was einem alles so einfällt…

    Ich bekomm sicherlich von mehr hin und wenn du mir sagst wo die Pferde standen, die du genannt hast kann ich sie vielleicht zuordnen…

    @Kerstin:
    Mensch sorry, hatte total verpeilt zu antworten. Sei mir nicht böse, aber meinen richtigen Namen gebe ich nicht online bekannt. So ein bisschen Anonymität behalte ich mir da vor.
    Die Zeit muss Ende der 80er gewesen sein. Ende der Grundschule, weil dass die einzige Zeit war, wo ich mit meiner Freundin Sandra Kontakt hatte. Der verflog nämlich in der 5. Klasse, weil sie auf’s Gymnasium ging. tippen wir also mal… 86`- 89`… wobei 89`schon 5. Klasse sein muss.
    Magst du mir mal eine Email schreiben? Vielleicht kennen wir uns ja :)

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