Der Guru – Teil 1

Wir fuhren am Mittwoch, den 11. Juni, gegen 8 Uhr früh los in Richtung Saarbrücken. Um genau zu sein, nach Uchtelfangen/Illingen. Wir hörten vor Monaten von einem Arzt, der einem dabei hilft, mit dem Rauchen aufzuhören. Solche Ärzte gibt es viele, das wissen wir auch. Aber hier gab es ein entscheidendes Merkmal, welches die anderen nicht haben. Richard1 rauchte bereits über 30 Jahre – und zwar „Kette“. Richard war bei diesem Arzt, nebst seinem Schwiegersohn, der ebenfalls starker Raucher war. Der Arzt entpuppte sich übrigens als Heilpraktiker. Also, sowohl Richard als auch sein Schwiegersohn ließen sich behandeln und waren fortan Nichtraucher. Das Richard noch mal hin musste, nur Nachbehandlung – die im Preis von 90 € enthalten ist – war soweit ok. Schließlich war er starker Raucher gewesen. Und das er während des Entzugs nun Aggressiv wurde (wo er ohnehin ein HB-Männchen sein kann) und Fressattacken bekam, überraschte uns – und auch ihn, glaube ich – nicht. Aber wie gesagt, wenn man noch mal hin muss, zur Nachbehandlung, ist das im Preis inbegriffen. Blöd, wenn man nicht gerade um die Ecke wohnt. Aber selbst dann rechnet sich der Aufwand, wenn man bedenkt, wie viel Geld man spart allein dadurch, das man sich keine Zigaretten mehr kaufen muss.

Ich rief also an, und ließ mir einen Termin geben. Wegen der großen Resonanz wusste ich bereits, das ich mit einer längeren Wartezeit rechnen muss. Unsere betrug nun 4 Monate. Andere lauerten bereits 9 Monate, so erfuhren wir als wir am Mittwoch in der Schlange standen.

In der Schlange angekommen sinnierte ich über eine bestimmte Situation. Denn gleich war dieses Zusammengehörigkeitsgefühl da. Ich nenne es das „Selbsthilfegruppen-Phänomen“. Wobei es hier sicher noch einen Fachbegriff gibt. Du gehst mit einem Anliegen irgendwo hin, und erwartungsgemäß triffst du auf Menschen, die mindestens wegen eines ähnlichen Anliegens dort sind. Haben diese Menschen aber nun exakt das gleiche Anliegen, versteht man sich fast blind. Man kommt schnell ins Gespräch, Erfahrungen oder Informationen werden ausgetauscht. Um das zu verdeutlichen vielleicht folgendes: Als wir in die Straße einbogen, die wir dank unseres Navis mühelos fanden, sahen wir auch gleich wo wir hin mussten. Nicht nur durch das fast überdimensionale Schild an der Hausseite sondern auch durch die Menschenmassen vor der Haustür. Wir suchten uns also einen Parkplatz und mussten dazu ein ganzes Stück die Straße durch fahren. Wir waren nicht die einzigen. Ein Paar mittleren Alters hatte es ebenfalls so weit weg verschlagen. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, sich noch eine zu rauchen, ob nun die letzte oder nicht, wussten wir nicht. Das eben erwähnte Paar tat es uns gleich und sofort grinste man sich an. Das vertraute „rüber kommen“ des Herrn mit einem Zwinkern im Auge und der fast überflüssigen Bemerkung „Na, noch schnell ene roochen, wa?!“ überraschte mich nicht im geringsten. Man lächelte höflich und lachte, als wäre das überraschend witzig gewesen und geistreich dazu und vertiefte sich wieder in sein eigenes Gespräch.

Das Phänomen ist klar zu erkennen, nicht wahr? Oder wärst du auf einem Parkplatz oder in einer Straße, in der du parkst, auf die Idee gekommen, ein ebenfalls parkendes Paar anzusprechen mit dieser stumpfsinnigen Erkenntnis das dein Gegenüber eine raucht?

Als wir später in der Schlange standen, wurde mir bewusst, welche Gesichter wir gemacht haben müssen, als wir die Menschenmassen zum ersten Mal entdeckten. Von Entsetzen bis hin zu blankem Wahnsinn und fassungslosem Gelächter. Denn genau diese Gesichter konnte man in jedem Auto ausmachen, welches in die Straße einbog und dessen Insassen offenbar auch zur Behandlung kamen. Ungeachtet dessen versuchten wir das System hinter dieser Schlange zu erahnen. Die meisten, wenn nicht sogar alle, kamen in Gruppen, so das man das ein oder andere Gespräch „aufschnappen“ konnte. So hörten wir das alle offenbar einen Termin für 11 Uhr bekommen hatten – wie wir. Wir wussten bereits das es sich um Gruppenbehandlungen handelt, schließlich hatten wir uns auch zu fünft angekündigt. Gefahren sind wir dann zu dritt, wovon Nummer Drei nur Begleitung war :) . Keiner wusste jedoch, wie das alles hier nun von statten ging. Für gewöhnlich meldest du dich irgendwo an, wenn du einen Termin hast. Hier nicht. Die Zeit verstrich also und irgendwann kam ein großer dunkelhaariger Mann, mit einem Pferdeschwanz frisiert, ins Sichtfeld der Wartenden. Mit der Aufforderung „Wer aufhören möchte zu rauchen folgt mir bitte!“ bewegten sich die Maßen in Richtung – und jetzt aufgepasst – Wartezimmer. *lach* Normalerweise wartet man wohl dort, aber da schönes Wetter war, und wie sich später raus stellte die Luft unerträglich in diesem Zimmer war, war niemand auf die Idee gekommen rein zu gehen. Und selbst wenn, der Raucher an sich friert ja lieber als das er nicht rauchen darf. ;)

Nun standen wir mit etwa 30 Leuten in diesem, für diese Menge, zu kleinen Wartezimmer und drängten uns dich an dicht. Bei den Temperaturen nicht sonderlich angenehm, wo ich ohnehin auf Berührungen dieser Art mit fremden Menschen lieber verzichte. Bei genauerer Betrachtung unseres „Guru’s“, soweit das denn möglich war weil ich ziemlich weit hinten stand, versuchte ich mir vorzustellen, das ER nun der Mann sein würde, der die Erlösung bringen sollte. Und obwohl er tatsächlich etwas von einem Guru hatte, war mir natürlich bewusst das ich diejenige war, die hier aufhören wollte zu rauchen, nicht er.

Diese Gedanken musste ich abrupt beenden, denn der „Erlöser“ begann wie ein Maschinengewehr mit seinem Vortrag. Herrschaftszeiten, ich dachte immer nur Lorelai Gilmore könnte so schnell sprechen oder meinetwegen noch andere Frauen. Das dies aber auch einem Mann möglich ist erschien mir anatomisch schon undenkbar zu sein. Aber hier stand der lebende Beweis. Ohne Punkt und Komma und scheinbar ohne zu atmen. Schade das ich so die Informationen nicht wirklich aufnehmen konnte. Das meiste kannte ich schon von der Internetseite, aber andere Informationen waren einfach zu schnell gesagt worden. Und da ich Gesagtes gern auf mich wirken lasse, was auch bei normalem Gesprächstempo kein Problem ist, um dann zu entscheiden „Speichern“ oder „Abbrechen“, sind mir glaube ich wichtige Informationen durchgegangen. Drei Sachen konnte ich mir behalten. Die Formel wie viel ein Mensch eigentlich trinken sollte: nämlich 0,5 Liter pro 10kg Körpergewicht. Was bei mir 3,5 Liter entsprechen würde :shock: Und – und das ist verdammt wichtig und erleichternd gewesen – das man durchaus nach 2-3 Tagen wieder Kaffee trinken darf. Wenn man dann allerdings den Drang nach einer Zigarette hat, muss man sehen, das man soviel wie möglich von seiner Tagesration Wasser runter bekommt. Selbstredend den Kaffee weg schütten. Das dritte war wie wir, nachdem wir dann gespritzt wurden, vorgehen müssen….

Während dieses Vortrags, der etwa 10 Minuten dauerte und eher eine Einführung war wie es nun weiter geht, machte sich das weiter oben bereits erwähnte „Phänomen“ wieder bemerkbar. Als der Heilpraktiker nämlich anführte, wie seine Therapie wirkt, bzw. welche Vorteile es hat gegenüber dem „schnöden Aufhören“, zählte er auch Entzugserscheinungen auf. Sofort begann das kollektive Nicken die Runde zu machen. Begleitet von zustimmendem Gemurmel. Die Blicke der anwesenden trafen sich und schienen zu sagen: „Ach, das kennste auch?! Tja, so ist das als Raucher…“. Traf uns einer dieser Blicke so konnte unser Gegenüber nur ein unverbindliches Lächeln in unseren Gesichtern ausmachen.

Nun gut, wir wurden in weitere kleinere Gruppen eingeteilt. Gemessen an der Ankunftszeit wurden wir so ins Sprechzimmer gebeten. Einige nahmen das nicht so genau und drängelten sich kackfrech vor und für gewöhnlich hätte ich denen auch das passende dazu gesagt… Denn wer mich kennt der weiß: man diskutiert nicht mit mir über mein Geld und über meine Zeit. Aber an dem Tag habe ich einfach mal „Wooooooouuuuuuuusssssaaaaa“ – Ohrläppchen massiert und ließ Gott nen guten Mann sein.

To be continued…

  1. Name geändert, weil ich nicht weiß, ob ich ihn namentlich nennen darf.
Liebe Grüße
Tari

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