Der Schein trügt…

Auch wenn man hier manchmal dein Eindruck gewinnt, ich lebe in meiner eigenen kleinen Welt, muss ich widersprechen. Im Gegenteil ich überlege sogar zu 98% 1 vorher, wie mein Gegenüber etwas auffassen könnte oder warum jemand so handelt wie er es tut. Ob nun in meiner näheren Umgebung oder wenn ich Nachrichten sehe.  Ich laufe nicht mit Scheuklappen durch die Gegend. Heute komme ich sogar mit einem Thema daher, wo ich lange überlegt habe, ob ich überhaupt darüber schreiben soll/kann/darf. Denn ich befürchte, damit bei dem ein oder anderen anzuecken. Nicht weil jemand anderer Meinung ist, damit kann ich umgehen. Nein, weil ich so ziemlich zum ersten Mal politisch werde.

Ich habe schon mehrfach erwähnt, das ich eher eine Niete in Sachen Politik bin… das sind eben alles böhmische Dörfer für mich – ich kann es nicht ändern. Und genau deswegen vermeide ich politische Äußerungen oder ähnliches. Wie heißt es so schön: „Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Klappe halten!“. Was aber nichts daran ändert, das ich ein Verständnis – und ich glaube sogar ein sehr gutes – für Gerechtigkeit und Menschenwürde habe.

Wenn man derzeit Abends die Nachrichten sieht, wabern diese Meldungen eher an einem vorbei… Irgendwo vor der afrikanischen Küste wüten mal wieder irgendwelche Piraten. Bei Piraten wurde man anfangs vielleicht noch aufmerksam und überlegte ob diese nicht schon vor 200 Jahren abgedankt hätten. Ich kann mir gut vorstellen, das diese Meldungen aber spätestens da von den meisten mit einem Schulterzucken abgetan wurden. Denn abgesehen davon, das derzeit die „Lampchamp“ die Schlagzeilen füllt, weil die so genannten Piraten sich ihrer angeeignet haben, mögen sich die meisten fragen: „was habe ich damit zu tun?“.

Und wenn wir ehrlich sind, nicht wirklich viel. Bis auf die Rederei in Hamburg, zu der das Schiff gehört existiert keine direkte Verbindung zu Deutschland. So sagt man schnell, man habe damit nichts zu tun… Aber selbste wenn, als einzelner hier etwas auszurichten scheint aussichtslos. Wenn man überhaupt weiß, was man zu tun hat. Ich weiß es nicht. Und wer bis hierhin überlegt hat, wie dieses Land heißt von dem hier die Rede ist, es ist Somalia in Ost – Afrika am Indischen Ozean.

Die Piraten und die Politische Lage sind aber nicht mein Hauptanliegen. Ich erwähne es nur um deutlich zu machen, das Somalia nicht irgendein Land in Afrika ist. Es ist müssig zu behaupten man wisse, warum die Menschen da unten so handeln. Sei es aus Armut und daraus folgender Verzweiflung oder einfach aus Habgier… Mehrere 1000 km entfernt wäre es wohl anmaßend darüber zu urteilen, nicht wahr?

Wie die derzeitige Lage in Somalia ist, kann man ganz gut bei Wikipedia nachlesen, diese Abhandlung ist recht aktuell.

Aber warum beschäftige ich mich mit dem Thema? Ich habe jetzt am Wochenende ein Buch zu Ende gelesen, welches ich mir bei meiner Mutter geliehen hatte. Die hatte es wiederum von einer Freundin :) Und als ich dann am Montag oder am Dienstag Nachrichten sah (vergangene Woche), waberte diese Piraten-Meldung auch wieder an mir vorbei… bis die Nachrichtensprecherin „vor der Küste Somalias“ zitierte. Erst hier wurde mir bewusst, das ich gerade ein Buch darüber las… von einer Frau, die eine Somali ist und von ihrem Leben erzählt.

Diese Frau heißt Waris Dirie und hat bereits zwei Bücher veröffentlicht – ohne Lesen und Schreiben zu können. Sie lief als Kind ihrer Familie weg weil sie als 13jährige mit einem alten Mann verheiratet werden sollte. Über Umwege kam sie dann nach London und später als Modell nach New York wo sie heute mit ihrem Sohn Aleeke lebt. Außerdem ist sie Sonderbotschafterin der UNO und hält Vorträge und nimmt an Diskussionen teil zum Thema Genitalverstümmlung an Frauen.

In ihrem zweiten Buch (wovon hier die Rede ist) beschreibt sie die plötzliche Sehnsucht nach ihrer Familie und ganz besonders nach ihrer Mutter. So reist sie voller Hoffnung und ohne Gewissheit das ihre Familie den Bürgerkrieg überlebt hat, in ihre Heimat. Und erlebt ihr Land Wunderschön, faszinierend und grausam altmodisch, neu.

Mich hat dieses Buch so gefesselt das ich es innerhalb von nur wenigen Tagen ausgelesen hatte. Und ich werde mir den ersten Teil auch noch in der Bücherei ausleihen (leider hatte meine Mutter nur den zweiten Teil, welchen man aber durchaus lesen kann ohne den ersten zu kennen).

Ich lese gern, würde nicht behaupten viel, aber wenn ich etwas lese dann interessiert es mich und ich beschäftige mich meist auch darüber hinaus mit den Themen. Und an diesem Thema kann man einfach nicht vorbei. Die meisten von uns werden schon mal davon gehört haben, der so  genannten Frauen-Beschneidung?!  Denn eigentlich, laut Waris Dirie, tut man das in Somalia nicht. Auch sie wurde beschnitten, oder wie sie es selber nennt: Genitalverstümmelt (denn nichts anderes ist es!). Und sie setzt sich mit diesem Thema immer wieder auseinander in diesem Buch. Mitunter sind Dialoge wiedergegeben, die an eine schlechte Soap erinnern, die wiederum an einen UN Bericht anlehnen. Finde ich etwas schade. Was aber nichts daran ändert, das dies ein wichtiges Thema ist und nicht unter den Teppich gekehrt werden darf.

Denn mal ehrlich, wer von uns wusste, das in Somalia eine der schlimmsten Formen der „Beschneidung“ vollzogen wird. Bei der das Mädchen letztendlich so weit wieder zugenäht werden kann, das nur noch eine kleine Öffnung bleibt, für die Monatsblutung und den Urin. Zuvor wurden ihr Schamlippen und Klitoris abgeschnitten. In Ihrer Hochzeitsnacht müssen diese Mädchen wieder aufgeschnitten werden (!!!) damit der Akt, und somit die Ehe, vollzogen werden kann. Am nächsten Morgen überprüft nämlich die neue Schwiegermutter ob Blut im Bett zu finden ist und führt dann einen Tanz auf, wenn dem so ist.

Waris Dirie ist dadurch traumatisiert, aber sie geht damit um. Und das beste um damit umzugehen ist, andere davor zu beschützen… also klärt sie auf. Auf der anderen Seite verteidigt sie ihre Mutter, denn – und das kann ich durchaus nachvollziehen – diese wusste es nicht besser. Ihr Mutter handelte so, weil sie es nicht anders kannte und sie ihr Kind beschützen wollte. Außerdem glaubt sie es sei in ihrer Religion so vorgeschrieben.

Ich weiß, das ist ein heikles Thema aber, wie gesagt, ich finde das darf nicht unter den Tisch gekehrt werden.

Gestern fand ich zufällig eine Blogparade, in der man über ein Buch schreiben soll, welches  das eigene Leben verändert hat. Ich möchte jetzt nicht behaupten, das Waris Dirie das tat… aber welches Buch hat das schon?!

Dies ist also mein Beitrag zur dieser Blogparade :)

  1. die anderen 2% sind Affekthandlungen
Liebe Grüße
Tari

2 Gedanken zu “Der Schein trügt…

  1. Hallo Udo,

    danke für deine Mühe, werde es mir später mal ansehen :)

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